Beim morgendlichen Gang durch die Supermarktregale präsentieren sich Marmeladen in bunten Gläsern mit verlockenden Aufschriften. „Weniger Zucker“, „Fruchtig-leicht“ oder „Natürliche Süße“ – die Etiketten versprechen Genuss ohne Reue. Doch wer gerade eine Diät verfolgt und bewusst auf seine Kalorienzufuhr achtet, sollte genauer hinsehen. Denn zwischen Marketingversprechen und tatsächlichem Inhalt klafft oft eine Lücke, die größer ist als der Abstand zwischen Frühstückstisch und Fitnessstudio. Was dahintersteckt, ist ausgeklügelte Strategie: Nutriwashing ist eine Marketingtaktik, die Produkte gesünder erscheinen lässt, als sie tatsächlich sind.
Die Kunst der cleveren Formulierung
Hersteller haben im Laufe der Jahre eine bemerkenswerte Kreativität entwickelt, wenn es darum geht, ihre Produkte als gesundheitsbewusste Alternative zu positionieren. Das Problem beginnt bereits bei der Wortwahl. Eine Marmelade mit der Aufschrift „30% weniger Zucker“ klingt zunächst nach einer vernünftigen Wahl für kalorienbewusste Verbraucher. Tests zeigen jedoch, dass bei reduzierten Produkten der Zuckergehalt zwischen 7,7 und 9,6 Gramm pro 30-Gramm-Portion liegt, während andere Produkte bis zu 15,7 Gramm enthalten. Die relative Reduktion erscheint beeindruckend, doch die absolute Menge bleibt erheblich.
Ebenso irreführend sind Begriffe wie „ohne Zuckerzusatz“. Diese Formulierung suggeriert ein zuckerarmes Produkt, verschleiert aber geschickt, dass Früchte von Natur aus bereits Fruchtzucker enthalten. Fruchtaufstriche fallen nicht unter die Konfitürenverordnung und haben daher keine gesetzlich festgelegten Mindestzuckergehalte, enthalten jedoch natürlicherweise Fruchtzucker. Die tatsächlichen Zuckergehalte liegen bei vielen Produkten zwischen 6,9 und 15,7 Gramm pro 30 Gramm – ein Wert, der sich durchaus von herkömmlichen Marmeladen unterscheiden kann, aber immer noch beträchtlich ist.
Versteckte Süßungsmittel im Überblick
Die Zutatenliste offenbart bei genauerer Betrachtung oft eine ganze Palette an Süßungsmitteln, die auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar sind. Wer denkt, er würde eine zuckerreduzierte Variante kaufen, findet stattdessen eine Reihe von Alternativen, die zwar anders heißen, aber ähnlich wirken. Fruchtkonzentrate wie Apfel-, Birnen- oder Traubensaftkonzentrat klingen gesund und natürlich. Tests zeigen, dass selbst Produkte, die mit Agavendicksaft werben, zusätzlich Traubensaftkonzentrat enthalten – eine Zutat, die in der Werbung gerne verschwiegen wird. Glukosesirup ist ein industriell hergestelltes Süßungsmittel, das den Blutzuckerspiegel rasch ansteigen lässt, während Maltodextrin häufig als Füllstoff verwendet wird und einen hohen glykämischen Index besitzt.
Wenn „Leicht“ schwer wiegt
Besonders tückisch sind Produkte mit der Bezeichnung „Light“ oder „Leicht“. Diese Begriffe sind rechtlich nicht streng geschützt und bedeuten lediglich, dass das Produkt mindestens 30 Prozent weniger eines bestimmten Nährstoffs – etwa Zucker oder Fett – enthält als ein vergleichbares Standardprodukt. Hier lauern gleich mehrere Fallen: Erstens wird der reduzierte Zucker häufig durch künstliche Süßstoffe ersetzt. Zweitens kompensieren Hersteller den Geschmacksverlust oft durch andere Zusätze wie Verdickungsmittel oder Aromen.
Menschen neigen zudem dazu, von vermeintlich gesünderen Produkten größere Portionen zu konsumieren. Das psychologische Phänomen des „Health Halo“ führt dazu, dass eine als leicht deklarierte Marmelade unbewusst großzügiger auf das Brötchen gestrichen wird – und am Ende die Kalorienbilanz sogar schlechter ausfällt als bei bewusstem Genuss einer herkömmlichen Variante. Genau hier zeigt sich, wie unehrliche Werbetreibende falsche Behauptungen aufstellen, die unsere Wahrnehmung manipulieren.
Die Bildsprache als Täuschungsmanöver
Nicht nur Worte, auch Bilder können in die Irre führen. Saftige Erdbeeren, glänzende Himbeeren oder pralle Aprikosen auf dem Etikett erwecken den Eindruck hoher Fruchtqualität und natürlicher Inhaltsstoffe. Tests zeigen jedoch, dass der tatsächliche Fruchtanteil bei verschiedenen Produkten zwischen 50 und 75 Prozent liegt. Manche Marmeladen enthalten also deutlich weniger Frucht, als die appetitlichen Bilder versprechen, während der Rest aus Zucker, Wasser, Geliermitteln und Aromastoffen besteht.

Portionsgrößen und ihre trügerische Wahrheit
Ein weiterer geschickter Trick betrifft die Nährwertangaben. Diese beziehen sich oftmals auf unrealistische Portionsgrößen von 30 Gramm – etwa einen gehäuften Teelöffel. Die aufgenommene Zucker- und Kalorienmenge kann damit deutlich höher liegen als die angegebenen Werte. Diese Diskrepanz zwischen Etikett und Realität macht es schwer, den eigenen Konsum korrekt einzuschätzen. Eine Portion mit 12,5 Gramm Zucker würde bereits mehr als die Hälfte der täglichen WHO-Empfehlung von maximal 25 Gramm Zucker pro Tag für Erwachsene ausschöpfen.
Die Falle mit den Ballaststoffen
Manche Hersteller werben damit, dass ihre Produkte Ballaststoffe enthalten – ein Nährstoff, der tatsächlich wertvoll für die Verdauung und das Sättigungsgefühl ist. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch: Die zugesetzten Ballaststoffe stammen häufig aus industriell verarbeiteten Quellen und werden dem Produkt nachträglich beigemengt. Der gesundheitliche Nutzen ist dabei deutlich geringer als bei Ballaststoffen aus vollwertigen, unverarbeiteten Lebensmitteln. Zudem lenkt diese positive Eigenschaft geschickt vom hohen Zuckergehalt ab – ein klassisches Beispiel für selektive Informationsvermittlung.
Süßstoffe und ihre Schattenseiten
Zuckerfreie Varianten setzen auf synthetische oder natürliche Süßstoffe wie Aspartam, Sucralose, Stevia oder Erythrit. Während diese tatsächlich kaum Kalorien liefern, bleiben Fragen zu ihren langfristigen Auswirkungen. Für Menschen mit bestimmten Unverträglichkeiten können Zuckeralkohole wie Sorbit oder Xylit zudem zu Verdauungsbeschwerden führen. Die vermeintlich perfekte Lösung für Diäthaltende entpuppt sich somit als zweischneidiges Schwert.
Worauf Sie wirklich achten sollten
Um nicht in die Marketingfalle zu tappen, hilft nur der kritische Blick auf die Zutatenliste und die Nährwerttabelle. Der Gesamtzuckergehalt pro 100 Gramm ist aussagekräftiger als prozentuale Reduktionen gegenüber anderen Produkten. Zählen Sie alle Süßungsmittel zusammen – egal ob sie als Zucker, Sirup oder Konzentrat deklariert sind. Der tatsächliche Fruchtanteil sollte idealerweise über 60 Prozent liegen. Ignorieren Sie Werbebotschaften auf der Vorderseite und konzentrieren Sie sich auf die Pflichtangaben. Bedenken Sie dabei immer die WHO-Empfehlung von maximal 25 Gramm Zucker pro Tag.
Günstig kann gut sein
Eine verbreitete Annahme besagt, dass günstige Produkte grundsätzlich schlechtere Qualität bieten. Tests zeigen jedoch ein differenziertes Bild. Discounter-Produkte können durchaus gut abschneiden und mit niedrigen Zuckerwerten punkten, während teurere Bio-Produkte teilweise schlechter bewertet werden. Der Preis allein ist also kein zuverlässiger Indikator für Qualität oder gesundheitlichen Wert. Entscheidend sind die tatsächlichen Inhaltsstoffe und Nährwerte, nicht das Markenimage oder der Verkaufspreis.
Alternative Strategien für bewussten Genuss
Wer während einer Diät nicht auf Fruchtaufstriche verzichten möchte, kann mit einfachen Strategien gegensteuern. Das Selbstzubereiten von Marmelade ermöglicht die volle Kontrolle über Zuckermenge und Zutaten. Bereits eine Reduktion von 50 Prozent der empfohlenen Zuckermenge in klassischen Rezepten führt zu durchaus genießbaren Ergebnissen, wenn hochwertige, reife Früchte verwendet werden. Alternativ können frische oder tiefgekühlte Beeren püriert und mit etwas Chiasamen oder Leinsamen verdickt werden – eine Methode, die ohne zugesetzten Zucker auskommt und gleichzeitig wertvolle Omega-3-Fettsäuren liefert.
Die Marketingstrategien der Lebensmittelindustrie sind ausgeklügelt und zielen darauf ab, unser Bedürfnis nach gesunder Ernährung mit dem Wunsch nach Genuss zu verbinden. Doch nur wer die Mechanismen durchschaut und gelernt hat, zwischen Werbeversprechen und Realität zu unterscheiden, kann informierte Entscheidungen treffen. Bei Marmeladen gilt wie bei vielen verarbeiteten Lebensmitteln: Je kürzer die Zutatenliste und je höher der Fruchtanteil, desto besser für die eigene Gesundheit und das Diätziel.
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