Mineralwasser gehört zu den meistverkauften Produkten in deutschen Supermärkten, und das ist kein Zufall. Seit Jahren ist natürliches Mineralwasser das beliebteste alkoholfreie Kaltgetränk der Deutschen, wobei 91 Prozent der Bundesbürger regelmäßig Flaschenwasser trinken. Gerade stilles Wasser erfreut sich wachsender Beliebtheit, da immer mehr Menschen auf gesüßte Getränke verzichten möchten. Mit einem Wachstumsplus von sieben Prozent kommt stilles Mineralwasser mittlerweile auf einen Marktanteil von rund 25 Prozent. Diese hohe Nachfrage macht das Produkt zu einem perfekten Spielfeld für ausgeklügelte Verkaufsstrategien. Was viele Verbraucher nicht ahnen: Hinter vermeintlichen Schnäppchen und auffälligen Platzierungen steckt ein durchdachtes System psychologischer Verkaufstricks.
Die Illusion des Sparens bei Mehrfachpackungen
Wer kennt sie nicht – die verlockenden Angebote mit bunten Aktionsschildern: „3 für 2″ oder „Beim Kauf von 6 Flaschen sparen Sie 30%“. Diese Mehrfachpackungs-Angebote suggerieren einen erheblichen Preisvorteil, der sich bei genauer Betrachtung jedoch oft in Luft auflöst. Der psychologische Effekt ist simpel: Verbraucher fühlen sich gezwungen, größere Mengen zu kaufen, um nicht den vermeintlichen Rabatt zu verpassen.
Bei genauerem Hinsehen offenbart sich die Wahrheit: Der reguläre Einzelpreis wird vor der Aktion künstlich erhöht, sodass der beworbene Rabatt lediglich zum normalen Preisniveau zurückführt. Alternativ liegt der Aktionspreis nur minimal unter dem Grundpreis pro Liter anderer vergleichbarer Produkte im Regal. Das Fatale daran: Verbraucher kaufen mehr als benötigt und geben letztendlich mehr Geld aus als ursprünglich geplant.
Strategische Platzierung als Kaufverführer
Die Position eines Produkts im Supermarkt ist niemals Zufall. Mineralwasser findet sich häufig an mehreren Stellen gleichzeitig: im Getränkeregal, am Eingang als Palettenpräsentation und zusätzlich in Aktionsbereichen am Ende der Gänge. Diese sogenannten Zweitplatzierungen erwecken den Eindruck besonderer Dringlichkeit und Attraktivität.
Besonders raffiniert ist die Anordnung auf Augenhöhe. Während günstigere Eigenmarken oder preislich identische Alternativen im unteren oder oberen Regalbereich verschwinden, thronen die beworbenen Produkte in bequemer Greifhöhe. Produkte auf Augenhöhe werden deutlich häufiger gekauft als solche in anderen Regalbereichen – unabhängig von Preis oder Qualität. Die sogenannten Regalköpfe am Ende der Verkaufsgänge verdienen besondere Aufmerksamkeit. Diese Premiumflächen werden von Herstellern teuer eingekauft und vermitteln Kunden das Gefühl, hier befinde sich ein besonderes Angebot. Mineralwasser in Mehrfachpackungen dominiert regelmäßig diese Bereiche.
Preisauszeichnung: Wenn Zahlen in die Irre führen
Die Art und Weise, wie Preise präsentiert werden, folgt erprobten Mustern der Verkaufspsychologie. Große, fette Zahlen zeigen den scheinbaren Rabatt in Prozent, während der tatsächliche Literpreis klein und unauffällig daruntersteht. Verbraucher reagieren emotional auf die großen Zahlen und übersehen dabei den entscheidenden Vergleichswert.
Ein weiterer Trick: Die Staffelung von Preisen bei verschiedenen Gebindegrößen suggeriert, dass die größte Packung automatisch am günstigsten sei. Tatsächlich zeigt die Grundpreisangabe pro Liter manchmal, dass die mittlere Packungsgröße den besseren Wert bietet. Doch nur wenige Käufer nehmen sich die Zeit, diese Angaben zu vergleichen – zumal sie oft in winziger Schrift und ungünstiger Position angebracht sind.
Zeitdruck durch künstliche Verknappung
Schilder mit Aufschriften wie „Nur solange der Vorrat reicht“ oder „Angebot gültig bis Samstag“ erzeugen künstlichen Zeitdruck. Bei einem Produkt wie Mineralwasser, das in riesigen Mengen produziert und geliefert wird, ist echter Mangel praktisch ausgeschlossen. Allein 2024 lag der Absatz für Mineral- und Heilwasser in Deutschland bei rund 9,9 Milliarden Litern. Dennoch funktioniert dieser psychologische Mechanismus: Die Angst, eine Gelegenheit zu verpassen, führt zu Impulskäufen ohne gründliche Preisvergleiche.
Manche Märkte variieren ihre Aktionszyklen geschickt: Kaum ist ein Angebot ausgelaufen, folgt nach kurzer Pause bereits das nächste. Der Eindruck permanenter Sonderkonditionen entsteht, obwohl die Preise im Jahresverlauf weitgehend konstant bleiben. Verbraucher gewöhnen sich daran, „nie den vollen Preis zu zahlen“ – und übersehen dabei, dass der Vollpreis lediglich eine theoretische Größe darstellt.

Qualitätssuggestionen ohne Substanz
Mineralwasser wird häufig mit Begriffen beworben, die Premiumqualität suggerieren sollen: „Naturbelassen“, „aus geschützter Quelle“ oder „mit natürlicher Mineralisierung“. Bei stillem Mineralwasser spielen diese Attribute faktisch eine untergeordnete Rolle, da die rechtlichen Mindestanforderungen für alle Produkte identisch sind. Dennoch rechtfertigen diese Worthülsen oft höhere Preise und werden in Aktionsbereichen prominent platziert.
Die Verpackungsgestaltung verstärkt diesen Effekt: Edle Farben, Naturmotive und geschwungene Schriftarten erwecken Assoziationen von Reinheit und Hochwertigkeit. Diese optische Aufwertung kostet den Hersteller Cent-Beträge, ermöglicht aber Preisaufschläge im zweistelligen Prozentbereich. In Angebotsaktionen wird genau mit diesen visuellen Reizen gearbeitet, um vermeintliche Wertigkeit zu kommunizieren.
Das Eigenmarken-Phänomen
Mit fast 50 Prozent halten Eigenmarken den größten Volumenanteil am deutschen Flaschenwassermarkt. Supermärkte platzieren ihre günstigen Eigenmarken jedoch bewusst weniger prominent und bewerben sie seltener in Aktionen. Die Botschaft ist klar: Wer „das Gute“ möchte, greift zum bekannten Produkt im Angebot.
Dieser Mechanismus funktioniert besonders gut bei stillem Wasser, da geschmackliche Unterschiede minimal sind. Während bei Sprudelwasser die Kohlensäureintensität ein Differenzierungsmerkmal bietet, schmecken stille Wässer praktisch identisch. Trotzdem zahlen Verbraucher für vermeintlich bessere Produkte selbst im Angebot noch mehr als für Eigenmarken zum regulären Preis. Die Macht der Marke wirkt selbst dann, wenn sie keinerlei objektiven Mehrwert bietet.
Loyalitätsprogramme als versteckter Kaufanreiz
Kundenkarten und Punktesysteme verstärken die Wirkung von Angeboten zusätzlich. „Nur für Karteninhaber“ oder „Dreifache Punkte beim Kauf von Mineralwasser“ – solche Mechanismen binden Kunden an einzelne Märkte und verhindern Preisvergleiche bei Konkurrenten. Der scheinbare Vorteil entpuppt sich als Falle: Die Punkte führen zu weiteren Käufen im selben Markt, auch wenn andere Geschäfte insgesamt günstiger wären.
Besonders perfide: Die Punkteschwellen sind so gesetzt, dass Kunden knapp darunter liegen und „nur noch schnell“ zusätzliche Produkte kaufen, um die nächste Prämienstufe zu erreichen. Mineralwasser eignet sich dafür perfekt, da es schwer ist und den Warenkorbwert ohne große Überlegung erhöht. Die vermeintliche Belohnung führt letztlich zu Mehrausgaben, die den Gegenwert der Prämie deutlich übersteigen.
Praktische Gegenstrategie für bewusste Käufer
Der beste Schutz gegen Marketingtricks ist Bewusstsein und Vorbereitung. Wer vor dem Einkauf den tatsächlichen Bedarf kalkuliert und konsequent Grundpreise vergleicht, lässt sich nicht von bunten Schildern blenden. Ein Blick ins untere Regalfach lohnt sich fast immer – dort verstecken sich oft die echten Sparangebote.
Hilfreich ist auch, verschiedene Märkte zu vergleichen und nicht ausschließlich auf Aktionen zu warten. Oft sind reguläre Preise bei Discountern günstiger als beworbene Sonderangebote in Vollsortimentsmärkten. Bei einem Produkt ohne nennenswerte Qualitätsunterschiede wie stillem Mineralwasser zahlt sich dieser Vergleich besonders aus. Durchschnittlich 125,6 Liter Mineral- und Heilwasser konsumierte jeder Bundesbürger im Jahr 2024 – eine beachtliche Menge, bei der sich bewusste Kaufentscheidungen finanziell deutlich bemerkbar machen.
Die Fähigkeit, Verkaufsstrategien zu durchschauen, macht den Unterschied zwischen bewusstem Konsum und manipuliertem Kaufverhalten. Mineralwasser bleibt ein notwendiges Produkt – aber zu welchem Preis und in welcher Menge es im Einkaufswagen landet, sollte eine informierte Entscheidung sein, keine Reaktion auf geschickte Inszenierung.
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